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Seminar zu Kunst und Psychoanalyse

  Wertvolle Bundesgenossen sind aber die Dichter und ihr Zeugnis ist hoch anzuschlagen, denn sie pflegen eine Menge von Dingen zwischen Himmel und Erde zu wissen, von denen sich unsere Schulweisheit noch nichts träumen lässt. In der Seelenkunde gar sind sie uns Alltagsmenschen weit voraus, weil sie da aus Quellen schöpfen, welche wir noch nicht für die Wissenschaft erschlossen haben (Sigmund Freud, 1907, S. 33).

Beiträge zur Auseinandersetzung mit Kants wichtigster Grundfrage der Philosophie «Was ist der Mensch?» kommen aus den verschiedenen Einzelwissenschaften, aber auch aus der kreativen Tätigkeit von Menschen in der bildenden Kunst, Musik und Literatur. Die Psychoanalyse, wie sie im Institut für Psychoanalyse (IfP) vertreten wird, versucht, sich dieser Frage dadurch anzunähern, dass sie z. B. psychische Realität und unbewusste Vorgänge auf die individuellen, kollektiven und gesellschaftlichen Subjektformen des Menschen bezieht und das Individuum in der Dialektik von Einmaligem und Allgemeinem begreift.

In der bildenden Kunst, Literatur und Musik finden sich Hinweise auf zeitübergreifende und zeitgenössische gesellschaftliche und individuelle Konflikte im Zusammenhang mit Macht und Herrschaft, Willen und Wunsch, Leidenschaft und Moral sowie auf Versuche ihrer bewussten und unbewussten Abwehr oder ihrer Bewältigung. Aus diesen Einsichten hat die Psychoanalyse von Anfang an Nutzen ziehen können, wie umgekehrt die Kunst in den letzten hundert Jahren psychoanalytische Erkenntnisse verarbeitet hat. In diesem Sinne kann das Studium künstlerischer Werke z. B. aus der Zeit des beginnenden letzten Jahrhunderts auch das Verständnis für die Entstehungsbedingungen der Psychoanalyse vertiefen.

Die Auseinandersetzung mit Kunst lohnt sich gerade dann für psychoanalytisch Tätige, wenn sie von der Freude getragen wird, an den schöpferischen Werken der Menschheit teilzuhaben und daraus einen reichen Schatz an Weltbezügen und an Einsichten in die Vielfalt menschlicher Existenzweisen zu gewinnen.



Freud, S. (1907), Der Wahn und die Träume in W. Jensens «Gradiva».
   Gesammelte Werke, 7:29–125. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag,
   1972.



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